Singen des Wochenpsalms bei YouTube: Psalm 104

„Herzliche Einladung zum Mitsingen und Meditieren der Psalmen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Psalmen erklingen in der Übersetzung des „Münsterschwarzacher Psalters“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Das Bild zum Psalmvers „Singt dem HERRN ein neues Lied …“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird. www.stillezeiten.de “ (Text und Bild stammen von der YouTube-Seite)

Lesepredigt zum Sonntag Exaudi 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Epheser 3, 14-21 (Episteltext zum Sonntag Exaudi):
Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde
14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,
16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet,
18 damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
19 auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.
20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde, der Sonntag Exaudi ist der Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten: der Sonntag, der, wenn wir das Kirchenjahr bewusst in seiner zeitlichen Abfolge mitfeiern und mitdenken, quasi eine Leerstelle bietet:
Jesus: zum Himmel aufgefahren.
Der verheißene Geist, der uns spüren lassen will, dass Jesus bei Gott und bei uns ist – jederzeit und überall – und uns miteinander verbindet und eint und so mit Gott und mit Jesus in Verbindung hält, dieser Geist, der das bewirkt: noch nicht da, erst an Pfingsten!

Nun ist der Sinn des Kirchenjahres ja gerade, die Fülle Gottes, das Geheimnis seiner Liebe – und was das alles mit uns macht und wie es unser Leben prägt und trägt, nach und nach, Schritt für Schritt zu entfalten und nachzuvollziehen. Alles auf einmal wäre zu viel für unser Aufnahmevermögen.

Aber selbst jeder einzelne Schritt nimmt uns nicht das Geheimnis des Glaubens und der Liebe Gottes: Weihnachten/ Epiphanias – Karfreitag/ Ostern/ Himmelfahrt – Pfingsten: Alles, jedes einzelne Fest, jeder einzelne Gedenk-, Feiertag übersteigt letztlich unser volles Verstehen. Es bleibt immer ein Rest, der über alles Begreifen geht.

Gottes Friede ist ‚höher als alle Vernunft‘ (Philipper 4, 7) – so beschließen wir jede Predigt und lassen ihn als Kanzelsegen auf uns kommen, halten uns jedenfalls offen.

Der Sonntag Exaudi – diese vermeintliche Leerstelle im schrittweisen Durchschreiten des Kirchenjahres, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – macht uns in besonderer Weise aufmerksam für unseren angemessenen Zugang zu Gott, dem göttlichen Geheimnis, ebenso wie zu unserem Leben, das von Gottes Liebe, dem Geheimnis des Glaubens getragen, durchdrungen, erfüllt ist.

Dieser uns angemessene Zugang ist das Gebet.

Der oben stehende Text aus dem Epheserbrief ist in der Luther-Bibel überschrieben mit: ‚Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde‘.

Wir nähern uns dieser ‚Fürbitte des Apostels für die Gemeinde‘ am besten, wenn wir sie nicht nur als Gebet eines fernen Apostels für eine ferne Gemeinde verstehen, sondern auch und gerade als Gebet für unsere Gemeinde, in der wir leben. Für alle Menschen unserer Gemeinde und für jeden einzelnen Menschen in unserer Gemeinde.

Der Apostel nähert sich mit diesem Gebet dem an, was von Gott her längst geschehen ist und da ist – und sich immer wieder und immer neu ereignen wird. Im Gebet wird es besonders bewusst und vergegenwärtigt. Spüren wir also diesem Gebet für die Gemeinde nach. Öffnen wir uns für dieses Gebet als ein Gebet, das uns gilt, nicht nur uns, aber auch uns. Folgen wir dem Gebet des Apostels, das auch unsere Wahrheit und Wirklichkeit vor Gott ausspricht und aufnimmt und vor Augen stellt.

Das Gebet beginnt mit einer Geste, die selten geworden ist: dem Kniefall. Wir kennen sie von Trauungen und Konfirmationen. Als ich konfirmiert wurde, haben wir auch das Abendmahl im Knien empfangen.

Das Knien vor Gott symbolisiert die Bereitschaft, etwas zu empfangen: die Abendmahlsgaben, den Segen Gottes: als Jugendlicher, nachdem man einige Zeit ganz bewusst sich mit dem Dreieinigen Gott in einer Gemeinde und darin besonders in einer Gruppe von ungefähr gleichaltrigen Mit-Konfis auseinandergesetzt hat und vor allem Gottes Liebe und Fürsorge in Gottesdiensten mit und in der Gemeinde gefeiert hat. Den Segen Gottes: später, wenn man mit einem Menschen das Leben teilen will und sich so gemeinsam Gott anvertraut.
Knien vor Gott ist die Haltung der Empfangsbereitschaft.
Wer kniet vor Gott, macht sich kleiner, um Großes zu empfangen.
Wer kniet vor Gott, begibt sich in eine Haltung, wo man im Moment kaum handlungsfähig scheint, und tut dies, um sich stärken zu lassen für ein aktives Leben.

Wer betet, spricht zwar, möchte aber zugleich und vor allem: empfangen. Neue Kraft.
Aus dem Sprechen zu Gott wird ein Hören auf Gott.
Die Worte, die wir im Gebet sagen, wandeln sich allmählich in Worte, die Gott uns sagt.

Das alles meint der Kniefall vor Gott. Er zeigt die Richtung unserer Haltung, die Bereitschaft, den Willen zu völliger Offenheit für Gott, tiefem Vertrauen zu Gott, kindlicher, das heißt vorbehaltloser Vertrautheit mit Gott. Die Bereitschaft und den Willen, sich von Gott stärken, beschenken, erfüllen zu lassen. Dies alles wieder aufs Neue.

Der Apostel beugt sich vor Gott, dem Vater, um anzunehmen, sich aktuell anzueignen, was Gott längst getan, gegeben hat und wieder und wieder gibt. Bei jedem Gebetsakt ist das so.

Der Apostel bittet um ‚Kraft nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit‘. Sie soll bewirken, dass der innere Mensch, der Mensch von innen heraus gestärkt werde durch Gottes Geist (nach Epheser 3, 16), und er betet darum, „dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.“ (Epheser 3, 17a) Der Apostel stellt in dem Gebet fest und spricht der Gemeinde zu, was er, der Apostel, und sie, die Gemeinde, von Gott zugesprochen bekommt. Beten und empfangen gehen hin und her. Das also gilt der Gemeinde: „ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet“. (Epheser 3, 17b) Christus also, so betet der Apostel, möge bei uns einziehen, nicht nur in unser Haus, nicht nur in das Haus der Gemeinde, nicht nur in das Gemeindehaus schlechthin, die Kirche, sondern in unsere Herzen. Da möge er Wohnung finden, da mögen wir Christus beherbergen.

Jesu Eltern, Maria und Josef, hatten ja schon einmal „keinen Raum in der Herberge“ gefunden (Lukas 2, 7b). Von alleine öffnen sich Türen und Herzen nicht immer.

Christus im Herzen. Das beschreibt den Glauben: der Glaube sozusagen als Herzensweitung. Damit Platz für Christus bleibt. Glaube macht die Herzen weit und frei und offen, um aus dem Kreisen um sich selbst auszubrechen, um aus dem Blickwinkel der eigenen Sorgen und Wünsche, Probleme und Sehnsüchte herauszutreten, um andere genauer wahrzunehmen: ihre Sorgen und Wünsche, ihre Probleme und Sehnsüchte, um ihr Eigenes, ihr Anderes, nicht Austauschbares zu entdecken, genauso wie das Gemeinsame, Verbindende.

So stehen wir gemeinsam vor Gott, lassen uns von Gott füllen, dem Gott, der Mensch wurde und nun das Göttliche und das Menschliche in sich vereint: „Ich und der Vater sind eins.“ (Johannes 10, 30) Nicht mehr nur auf der Erde besucht uns Jesus und bringt uns Gott nahe, sondern in unserem Herzen will Christus wohnen, damit uns Gott nahe bleibt, damit wir Gott in uns tragen, jederzeit und überall. Wo wir auch sind. Wann auch immer.

Gott bleibt nicht bei sich selbst. Mit Christus im Herzen bleiben auch wir nicht bei uns selbst, sondern wenden uns anderen zu, so gut wir das können und so gut das für andere ist. So wie wir selbst von der guten Zuwendung anderer leben.

Das sind die Konsequenzen des Gebetes des Apostels für die Gemeinde. Der Apostel beschreibt, was ist, damit es neu wird. Er bittet, dass geschieht, was von Gott her längst ist.

Und so beschreibt er uns als in der Liebe eingewurzelt und gegründet. Wiederum, damit sich das auch zeigt und bewahrheitet. Dafür ist aber die Erinnerung, die Bewusstmachung, die Vergegenwärtigung im Gebet wichtig.

Der Apostel malt ein eindrückliches Bild. Wurzeln stehen für Kraft und Stärke. Mit diesem Bild beschreibt er unseren Halt und unseren Stand in der Liebe. Liebe ist eine starke Macht.
Wurzeln bieten Halt und Standfestigkeit, sie trotzen Stürmen, die von außen kommen.
Wurzeln breiten sich aus.
Wurzeln nähren. Die Liebe!
Eingewurzelt in der Liebe – ein eindrückliches Bild für die Kraft, die uns Gott geschenkt hat und immer neu schenkt.

Die Liebe ist es, der wir uns täglich verdanken: Wir sind da, wir können leben. Vielleicht gesund, vielleicht krank, vielleicht vital, vielleicht hinfällig, vielleicht froh, vielleicht unglücklich – so klar lässt sich das ohnehin nicht immer trennen und auseinanderhalten. Bestimmt aber: getragen und bewahrt, angenommen und geliebt. Von Menschen. Durch ihre Herzlichkeit, ihre guten Worte, ihr stilles Verstehen, ihre umstandslose Hilfe. Ich meine, wir sehen darin die Liebe Gottes, ihre Zeichen und Spuren.

Wir sehen und spüren die Liebe Gottes auch in der Natur, die – so sehr sie geschunden und ausgebeutet ist, so arg sie leidet und erhitzt und verdorrt – doch immer noch und immer wieder so unendlich viel Schönes bereithält und hervorbringt. Sie erfreut uns, obwohl wir sie oft und, auf‘s Ganze gesehen, nicht gut behandeln. Sie erfreut uns gerade in dieser Jahreszeit, wo ständig Neues blüht und grünt – geradezu ein Sinnbild für die verschwenderische Fülle Gottes.

Die Liebe Gottes ist das glatte Gegenteil von allem Berechnen, Einteilen, Abwägen, Ausmessen und Zumessen. Liebe ist großzügig, verschwenderisch, rechnet nicht und zählt nicht.

Wir erfahren die Liebe aber auch – das ist am Ende bald das Wichtigste – in der Fähigkeit, die wir bei uns selbst bemerken, dass wir Liebe schenken können und es auch tun: für andere Meschen da zu sein, ihnen offen zu begegnen: mit unserem Innersten, unserem Herzen, von Christus, der in ihm wohnt, geweitet.

So kann man von sich selbst absehen, sich loslassen, sich anderen zuwenden und hingeben, sich auf sie einzulassen, ihnen zuhören, mit ihnen denken und sprechen. Mit dem Herzen, dem von Christus bewohnten und geweiteten Herzen, bei anderen zu sein – so findet und gewinnt man Leben. Das ist Gottes Geheimnis der Liebe und der Hingabe. Von Jesus ist das Wort überliefert: „Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ (Matthäus 10, 39)

Nun wird Liebe oft genug versagt. Unser Miteinander in der Gesellschaft ist auch von Gleichgültigkeit gegenüber anderen oder Berechnung oder Egoismus oder Übervorteilung oder Überheblichkeit oder Abwertung oder Ausgrenzung geprägt. Auch in Gemeinden kommt das vor. Darunter leiden Menschen. Und an dem, worunter sie leiden, was ihnen fehlt, merken sie, wie lebensnotwendig der respektvolle, den Wert anderer hochschätzende Umgang ist. Wir leben von Liebe, die den Mitmenschen als von Gott geachtet und geliebt sieht und behandelt. Wir brauchen sie.

Das Gebet um unsere Einwurzelung und Gründung in der Liebe, auch darum, dass Christus in unseren Herzen wohnen und wohnen bleiben möge, überholt sich keineswegs! Gebet ist auf Wiederholung, auf Übung angelegt.

Das Gebet des Apostels für die Gemeinde und die Gemeinden richtet sich an Gott, der über alles Begreifen und Verstehen hinaus ist. Gott entzieht sich unseren Mitteln, etwas zu erfassen: Sprache, Vorstellungskraft, Gefühle, Logik, Mathematik, Naturwissenschaft. Auch dem Bemühen der Philosophie, ja selbst: der Theologie ist Gott wieder und wieder entzogen.

Gott wendet sich uns aber zu und kommt uns näher als wir’s zu fassen vermögen. Das Gebet, ‚dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne‘, ist ja selbst der Versuch, Gottes unbegreifliche Nähe sprachlich, bildlich, sprachbildlich zu fassen.

Gott lässt sich nicht vermessen, und doch soll das Bild von Christi Einwohnung in unseren Herzen und unserer Einwurzelung und Gründung in der Liebe uns eine Erkenntnis erlauben und ermöglichen: „damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.“ (Epheser 3, 18+19)

Breite, Länge, Höhe, Tiefe – man spürt die Weite, die Unfassbarkeit, die Uneinholbarkeit Gottes. In keinem Koordinatensystem lässt sich Gott verorten und festschreiben. Die Erkenntnis, die der Glaube schenkt, richtet sich auf etwas, das alle Erkenntnis übertrifft: „damit ihr … die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft“ (s.o.). Unsere Gotteserkenntnis fängt, was sie erkennen will, nie ein. Die Liebe ist immer mehr als alles Begreifen, Verstehen, Erkennen. Gott auch. Christus auch. Christi Liebe auch.

So lange bleibt die Gotteserkenntnis offen, „bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.“ (s.o.)

So lange bleiben Gebete unüberholt, notwendig, sinnvoll, hilfreich – für uns selbst und für andere. Wir können diesen Abstand nicht überwinden. Aber ‚Christus möge durch den Glauben in uns wohnen, wir sind in der Liebe eingewurzelt und gegründet.‘ Das ist mehr als genug für jeden Tag und für ein ganzes Leben.

Gott hebt den Abstand auf, Gott ergreift uns, unsere Herzen, unser Denken, unser Tun und Lassen. Gott versteht uns. Besser versteht Gott uns als wir uns selbst verstehen. Jesus hat’s seine Jüngerinnen und Jünger gelehrt, als er ihnen sein Gebet an unseren gemeinsamen Vater an die Hand gab und in den Mund legte: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)

Liebe Gemeinde, es ist eine leidvolle Erfahrung für viele Menschen: Viele Gebete bleiben unerhört – meinen sie, empfinden sie. Bleiben die Gebete auch ungehört? Auch das ist eine Frage des Sonntages Exaudi, der seinen lateinischen Namen aus Psalm 27, 7 bezieht (lat. exaudire = hören, erhören): „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“

Ich sage hier einmal paradox und überspitzt: Es werden auch Gebete erhört, die gar nicht stattgefunden haben. Oder klarer: Gott hat aus unseren Gebeten, den selbst formulierten wie auch dem Gebet mit Jesu Worten, dem Vaterunser, das gehört und das erhört, was uns gut und lebensdienlich ist. Das ist die Gotteskraft, die „überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt“ (Epheser 3, 20).

Suchen Sie einmal in Ihrem Leben: Was haben Sie Gutes bekommen, ohne darum gebeten oder gebetet zu haben? Welche Menschen haben Sie kennengelernt, die Ihnen gutgetan haben, mit denen Sie nie gerechnet, auf die Sie nie gehofft, nie gewartet, um die Sie nie gebetet haben? Welche Aufgaben sind Ihnen zugewachsen, die Sie sich nicht gesucht haben, für die Sie sich vielleicht auch gar nicht geeignet hielten, die Sie aber erfüllen konnten und die Sie erfüllt haben und segensreich wirken ließen?

Und forschen Sie noch weiter: Nicht allein: Was ist Ihnen Gutes widerfahren, ohne dass Sie’s gesucht oder erbeten hätten? Sondern auch: Was ist Ihnen – Gott sei Dank! – erspart geblieben, weil es anders kam, als Sie’s gewollt und erbeten haben?

Dies alles sind ja nur vage Andeutungen und Ausblicke über unseren begrenzten Horizont hinaus: hinein in das Wirken und Walten des unendlichen und unbegreiflichen Gottes. Gott ist uns ferner als es menschlichem Scharfsinn erscheinen will. Und näher als es das menschliche Herz zu fühlen vermag!

Dass Gott uns versteht, ist wichtiger als dass wir Gott verstehen.

Dass Gott uns liebt und zur Liebe befähigt, dürfen wir glauben. Gott dürfen wir vertrauen. Unsere Lieben Gott anvertrauen im Gebet, wie auch unsere Gemeinde, unsere Gesellschaft, unser Leben, unsere Welt – mit allem, was auf ihr lebt und leben will und leben wird. Vom Gebet begleitet, getragen, ermutigt unseren Glauben und unsere Liebe, beides von Gott gewirkt, zu leben – das ist viel und das ist schön. Es wird uns Kraft geben. Kraft von Gott. Gottes Fülle wird das Ihre tun und geben. Amen.

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Psalm 27 (7. Woche der Osterzeit – Exaudi)

Herzliche Einladung zum Mitsingen und Meditieren der Psalmen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Psalmen erklingen in der Übersetzung des „Münsterschwarzacher Psalters“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Das Bild zum Psalmvers „Singt dem HERRN ein neues Lied …“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird. www.stillezeiten.de “

Lesepredigt zu Christi Himmelfahrt 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

1. Könige 8, 22-24.26-28:
22 Und Salomo trat vor den Altar des Herrn angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel
23 und sprach: Herr, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen;
24 der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.
… … …
26 Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast.
27 Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?
28 Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

Lukas 24, 50-53:
Jesu Himmelfahrt
50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.
51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Liebe Gemeinde, seit jeher fasziniert der Himmel die Menschen. Der Himmel weckt Sehnsucht im Menschen. Der Blick in den Himmel lässt staunen: makelloses Blau, Wolkenformationen, Schönwetterwolken, feine Schleierwolken, dunkle Wolken, Abendrot – manchmal durch Wolken reflektiert, so dass das Rot bis nach Osten zurückstrahlt! Manchmal ist der Himmel auch grau – oder weiß. Der Himmel erscheint wie ein Bogen, der sich von Horizont zu Horizont spannt, eine Haube über uns. Der Blick in den Himmel: grenzenlose Weite. Der Sternenhimmel nachts: unendliche Fülle, erhaben. Wir erleben uns als Teil der Schöpfung. Klein oder groß!

Der Himmel weckt Sehnsucht im Menschen. So dass dieser über sich hinausgeht. Den Menschen hat es in den Himmel gezogen. Da merkt er seine Grenzen – und seine Sehnsucht.

Gott im Himmel? Ein Theologe hat einmal bemerkt: „Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern: wo Gott ist, da ist der Himmel.“

Menschen suchen Gott, fragen nach Gott. Nicht immer finden sie Gott. Menschen erfahren nicht nur den nahen, sondern auch den fernen, nicht nur den offenbaren, sondern auch den verborgenen, nicht nur den zugewandten, sondern auch den sich abwendenden, sich entziehenden Gott. Glückliche und schmerzliche Erfahrungen sind das. Schmerzlich ist es, wenn wir nur noch dunkles Schicksal spüren, Einsamkeit, Lieblosigkeit, Verlust, Trauer, Leere, Aussichtslosigkeit. Gut ist es, wenn die Sehnsucht nicht stirbt. Im Schmerz nicht und auch im Glück nicht! Dann und wann, hier und da findet die Sehnsucht spürbar Erfüllung – jedenfalls im Ansatz: Momente der Stimmigkeit, des Glücks, des Einklangs, der Gemeinschaft, der Vergebung, des Trostes, des Verständnisses, der Freude. Wir spüren die Weite in unserem Leben. Raum und Zeit zum Leben. Himmel über uns. Boden, der trägt. Gott bei uns.

So oder so: Gerade der glaubende Mensch weiß: Wir können über Gott nicht verfügen. Vertrauen ist nicht Verfügen, nicht Beherrschen. Wir können Gott nicht herbeinötigen und nicht für unsere Wünsche, Vorstellungen, Ziele in Gebrauch nehmen. Vielmehr: Gott kommt auf uns zu, dann und wann, hier und da – wenn wir nicht mit Gott rechnen oder auch: wenn wir zu Gott flehen. Wir wissen es nicht, es kann aber sein, dass Gott uns ergreift, durchfährt, erschüttert oder beruhigt. Je nachdem. Christenmenschen halten sich offen für Gott, damit Gott – zu unserem Guten wirkend – uns offen vorfindet.

So macht es auch schon Salomo: Er weiht den neu gebauten Tempel Jerusalems ein. Er betet zu Gott „und breitete seine Hände aus gen Himmel“ (s.o. 1. Könige 8, 22b). Sichtbar hält sich Salomo offen für Gott. Und beschränkt Gott eben nicht auf den Tempel! Das Tempelgebäude will Gott nicht einfangen, einengen, festhalten, gewiss auch nicht festlegen: „Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ (1. Könige 8, 27) – Nebenbei: Dieser Vers wird gerne bei Kircheneinweihungen zitiert!

Menschen brauchen Orte, die ihnen bei ihrer Offenheit zu Gott helfen. Wo sie ablegen können: ihre Sorgen, ihre hinderlichen Gedanken, ihre Alltagsgeschäfte. Man wird all das nicht einfach verlieren, man sollte all das auch nicht verdrängen. Aber man kann frei und offen werden für Anderes, Neues, Gutes, Wegweisendes, Entlastendes: offen für Gottes Einzug in uns.

Der Tempel war ein solcher Ort. Kirchengebäude sind es auch. Sie halten sich offen hin zum Himmel, zeigen dies in der Architektur: Turm, Gewölbe, Streben nach Höhe oft auch in der Fensterform. (Decken-)Gemälde lassen den Blick in den Himmel wandern, nach oben, zu Gott, über uns hinaus – hinein in die umfassende Wirklichkeit, deren Teil wir sind und die uns viel zu geben hat. Von der wir leben.

Kirchengebäude helfen uns also, zu Gott zu finden bzw. uns für Gott bereit zu halten. Aber es geht überall! In besonders schönen Orten der Natur – unter Gottes freiem Himmel – sicherlich besonders gut.

Als Jesus in den Himmel auffuhr, wie es die Bibel kurz und knapp erzählt (s.o.: Lukas 24, 50-53), als er sich also von seinen Jüngern verabschiedete – mit seinem Segen! – da weinten sie nicht und trauerten sie nicht, sondern: sie „beteten ihn an“ (Lukas 24, 52). So konnten sie Jesus nahe bleiben, die Verbindung halten, sich von ihm füllen lassen. Und sie wurden tatsächlich erfüllt: „mit großer Freude“ (Lukas 24, 52). Das blieb vielleicht kein durchgängiges, gewiss aber ein tragendes Gefühl. Und der Tempel war der Ort, wo sie sich zusammenfanden und in dieser Freude ‚Gott priesen‘ (Lukas 24, 53). Damit endet übrigens das Lukas-Evangelium. Das zweite Buch des Evangelisten Lukas, die Apostelgeschichte, enthält gleich im ersten Kapitel eine zweite Erzählung über Christi Himmelfahrt, ein wenig ausführlicher. Wohlgemerkt: Es ist derselbe Autor, der beide Fassungen seiner Erzählung über Christi Himmelfahrt sicherlich bewusst und gezielt so platziert: an das Ende des einen und an den Anfang des nächsten Buches, quasi als Scharnier.

Salomo, die Jünger, Christenmenschen aller Couleur: In der offenen Haltung zu Gott werden wir Erfahrungen machen mit Gott. Nichts können wir erzwingen. Aber wir müssen auch nicht ausschließlich warten. Das Gebet ist unsere Möglichkeit, unser Weg, selbst aktiv zu werden, die Offenheit zu Gott mit Leben zu erfüllen. Besondere Orte und Zeiten erleichtern uns das Gebet – keine Frage! Aber wirklich notwendig sind besondere Orte und Zeiten nicht. Jederzeit und überall können wir uns offenhalten für Gott. Gebete sind orts- und zeitunabhängig!

Schließlich: Beten heißt nicht nur Reden. Besonders wortreich muss es schon gar nicht sein. Hören, Wahrnehmen, Hinschauen, Aufnehmen ist mindestens so wichtig. Wie oft zeigt sich Gott in Worten und Gesten des Alltags: im Gespräch mit Menschen, in ihrem Verstehen und Ermutigen oder in ihrem Mahnen und Warnen, in ihrem liebevollen, oft unauffälligen Tun. In all dem kann, ohne dass es uns bewusst ist oder wird, Jesus mitten unter uns sein.

Das ist Christi Himmelfahrt: Jesus Christus ist nicht mehr an Ort und Zeit gebunden. Überall und jederzeit können wir ihm begegnen. In Situationen der Freude und in Situationen des Leidens, im Glück, in der Einsamkeit … . Kein Ort, kein Tag, den Jesus meiden würde. Nicht immer entdecken wir ihn, aber es wollen, Augen und Ohren, Kopf und Herz offenhalten für ihn, das können wir – oder können es üben, trainieren. Ich bin gewiss: Jesus Christus ist uns viel näher als wir ahnen. Amen.

Lesepredigt zum Sonntag Rogate (= „Betet!“) 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

Johannes 16, 23b-33:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.
24 Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.
25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.
26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde;
27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.
28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.
29 Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht in einem Bild.
30 Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.
31 Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr?
32 Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.
33 Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Liebe Gemeinde, der Mensch lebt davon, dass er sich mitteilt. Auch wenn man manches mit sich selbst ausmacht und ausmachen muss – es ist doch wichtig, sich auch mit anderen zu besprechen, von den eigenen Sorgen, dem eigenen Glück, den Ängsten und Hoffnungen anderen zu erzählen, andere daran teilhaben zu lassen.

Gerade wenn man manches mit sich selbst ausmacht, führt das Bedürfnis sich mitzuteilen, sich zu äußern, gut zum Gebet. Da kann mit dem Innersten, das man preisgibt, nichts Böses passieren. Niemand kann es weitererzählen an Menschen, die’s nix angeht, die’s nicht hören sollen. Man ist auch nicht Unverständnis, Desinteresse, Gleichgültigkeit oder – im Gegenteil – unangemessener Neugier ausgesetzt.

Ich meine, liebe Gemeinde, das Gebet tut gut, dient der eigenen Entlastung, Sortierung, Klärung, auch dann, wenn man gut und gerne mit anderen Menschen sprechen kann.

Es gibt ja Menschen, denen man gut und gerne vertrauen kann und mit denen man jedenfalls so manches (es muss ja nicht alles sein!) besprechen kann. Wer ist das bei Ihnen, bei euch? Gleichaltrige Freunde, Freundinnen? Freundinnen und Freunde, die deutlich älter oder deutlich jünger sind? Die Eltern? Die Kinder? Tanten, Onkel, Neffen, Nichten? Zu manchen von ihnen besteht ja ein gutes, freundschaftliches, vertrauensvolles, inniges Verhältnis! Auch mit vielen Ärzten, Lehrerinnen, Pfarrern, auch mit Rechtsanwältinnen kann man gut reden. Sie alle haben Schweigepflicht und bemühen sich – aus ihrer Sicht – um Verständnis, Teilnahme, Rat und Hilfe, wenn nötig, wenn möglich, wenn gewünscht!

So wie sich Menschen Vertrauenspersonen offen anvertrauen, so können und dürfen wir gewiss auch uns Gott anvertrauen, ohne Scheu und Scham, ohne die Sorge, abgelehnt oder nicht ernst genommen zu werden.

Nur eine Schwierigkeit lässt sich nicht übersehen: Gott ist nicht zu sehen. Und wir können zwar zu Gott reden, mit Gott offen sprechen, aber hört Gott uns? Gibt es eine Antwort? Wie nehmen wir die wahr?

Wenn wir allerdings etwas aufschreiben, das jemand anderes lesen soll – ich rede jetzt nicht von Kurznachrichten, eher von Briefen oder E-Mails – gibt’s auch keine direkte, prompte Antwort. Aber schon das Schreiben tut gut. Und wenn die Antwort kommt, können wir sie lesen – oder man trifft sich vorher und spricht dann doch direkt miteinander.

Die Kommunikation mit Gott im Gebet ist schon eine andere. Die Offenheit, die Vertrautheit kann unbegrenzt und uneingeschränkt sein – wie bei einem vertrauten Menschen – oder sogar noch offener – da muss nichts verborgen bleiben. Aber was damit geschieht, was wir Gott anvertraut haben, was Gott damit macht, das liegt im Verborgenen. – Das macht das Beten nicht überflüssig und nicht sinnlos! —

Liebe Gemeinde, die christlichen Feste im Kirchenjahr lassen sich unter dem Gesichtspunkt verstehen, dass Gott sich den Menschen begreifbar und sichtbar macht und dass Gott bei den Menschen ist und bleibt und weiterhin für sie da ist.

So heißt es in Johannes 16, 28: „Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ Darin findet sich, was wir zu Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt feiern.

Dass Jesus die Menschen sozusagen besucht hat, lässt diese nicht unverändert. So wie ein lieber Besuch immer etwas Gutes mit einem macht und auch etwas Gutes zurücklässt, wenn er sich wieder verabschiedet und geht.

So lässt der Evangelist Johannes an anderer Stelle, im gleichen Kapitel 16, aber sogar schon vorher, vorweg, Jesus sagen (Johannes 16, 6b.7): „… ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.“

Jesus hat die Menschen besucht. Gott hat menschlich mit den Menschen geredet. Von Mensch zu Mensch. Hat mit ihnen gegessen und getrunken. Vor 2000 Jahren, als Jesus auf der Erde mit den Menschen seiner Zeit sein Leben teilte. Die Menschen begriffen: Dieser Mensch, so menschlich er ist, ist ein besonderer Mensch. Sicher: Jeder Mensch ist besonders. Aber das Besondere dieses Menschen war: Durch die Art und Weise, wie er lebte, was er tat und sagte, und wie er es tat und sagte, haben die Menschen gespürt: Da ist Gott. Der ist Gott. Gott auf der Erde. Gott bei uns. Gottes Sohn. Wer Kontakt zu Jesus hatte, hatte Kontakt zu Gott. Wer mit Jesus sprach, sprach mit Gott. Zu wem Jesus sprach, zu dem sprach Gott. Mehr und mehr merkte man, dass es in diese Richtung ging. Im Menschen Jesus wurde mehr und mehr Gott selbst erkennbar und erkannt.

Umso stärker stellte sich die Frage, ob der Kontakt mit Gott denn bleibt, wenn Jesus nicht mehr da ist. Kein Mensch lebt ewig auf Erden. Auch Jesus nicht.

Aber ein Mensch, wenn er nicht mehr da ist, hinterlässt etwas. Vor allem: Er hat das Leben derjenigen, die mit ihm gelebt haben, geprägt. Und kann weiterhin wirken.

Jesus hat den Menschen Gott nahegebracht. Und das wirkte und wirkt. Jesus hat versprochen, ‚den Tröster‘ zu den Menschen zu ‚senden‘, den Heiligen Geist. Die Verbindung zu Gott und mit Gott bleibt, über seinen Weggang hinaus. Weggang ist nicht nur sein Tod. Tod, Auferstehung, Himmelfahrt – das ist ein Geschehen beim Evangelisten Johannes: der Weggang Jesu von den Menschen, der ihnen den unmittelbaren Zugang zu Gott eröffnet. Über seinen Weggang hinaus: d.h. auch für die Menschen später, nicht nur für die Menschen, die ihn damals in den wenigen Jahren im kleinen Landstrich Palästina kennenlernen durften. Auch für uns ist der Zugang zu Gott direkt möglich. Deswegen brauchen wir nicht zu Jesus zu beten. Wir können das, aber Jesus schickt unsere Gebete zu Gott.

Es ist angemessen, in Jesu Namen zu beten. Das hören wir in unserem Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium (s.o.) mehrfach. Im Gedenken an den Menschen Jesus, in der Vergegenwärtigung des Menschen Jesus, der uns Gott nahegebracht hat. Aber: Jesus ist nicht als Vermittler notwendig. Der Zugang zu Gott ist frei.

Jesus sagt den merkwürdigen Satz (Johannes 16, 26b): „Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde“. Das Beten in Jesu Namen zu Gott, dem Vater, reicht für die direkte Kommunikation mit Gott: „denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.“ (Johannes 16, 27) Gottes Liebe trifft uns direkt!

Jesus tröstet seine Jünger und Jüngerinnen, diejenigen also, die sich von Jesus Gott haben nahebringen lassen. Er tröstet sie und stellt ihnen in Aussicht: Gottes Liebe wirkt und gilt euch unmittelbar. Denkt ihr an mich, haltet ihr mich im Gedächtnis lebendig, betet ihr in meinem Namen, habt ihr ohne Weiteres Zugang zu Gott. – Jesus und wer ihm nachfolgt, schlagen die gleiche Richtung ein: „ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ (Johannes 16, 28b) Unser Gebet lenkt unsere Gedanken zu Gott, unserem gemeinsamen Vater.

Die Frage nach der Kommunikation mit Gott findet sich natürlich auch in den anderen Evangelien, und Matthäus und Lukas überliefern als eine Antwort darauf das wohl bekannteste Gebet: das Vaterunser.

Bei Matthäus steht es an hervorgehobener Stelle: im Zentrum der Bergpredigt. Jesus gibt seinen Zuhörerinnen und Zuhörern das kurze, konzentrierte Gebet – und wendet sich gegen ein damals wie heute nicht selten praktiziertes Verständnis vom Gebet, dass man in die Formel ‚viel hilft viel‘ fassen könnte: wenn man also in immer neuen Anläufen sozusagen auf Gott einredet, Gott bestürmt. Gegen dieses angestrengte Bemühen sagt Jesus den schönen und entlastenden Satz: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)

Bei Lukas steht das Vaterunser – noch knapper überliefert – außerhalb der Feldrede, seinem kürzeren Pendant zur Bergpredigt bei Matthäus – nach der Geschichte von Maria und Marta und vor der Geschichte vom bittenden Freund. In dieser werden die Worte Jesu überliefert: „wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ (Lukas 11, 10)

In unserem Abschnitt aus dem Johannes-Evangeliums (s.o.) klingt das ganz ähnlich (Johannes 16, 23b.24b.): „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. … Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.“

Aber wird das nicht überboten und bald schon überflüssig durch den zitierten Satz in der Bergpredigt direkt vor dem Vaterunser: „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6, 8b)? Direkt darauf folgt das Vaterunser.

Jesus zeigt, wie die Kommunikation mit Gott geht. Er lehrt es. Es zu lernen ist nicht schwer. Übung braucht man höchstens, um es nicht zu verlernen, vor allem aber weil es eine gute, eine wohltuende Übung ist, das Vaterunser zu beten. Es dient der Sammlung der Gedanken, es konzentriert, es gibt Worte, die uns manchmal fehlen, es ersetzt Worte, die wir nicht finden.

Und es hilft uns aus der Vereinzelung, wenn wir das Vater“unser“ (Mehrzahl!) beten. Jesus richtet unsere Gedanken auf seinen Vater, den auch wir so nennen dürfen. Mit denselben Worten können wir ihn ansprechen – so unterschiedlich unsere Anliegen, Wünsche und Bitten im Einzelnen sind, so unterschiedlich auch die Situationen sind: ein Vaterunser passt immer, und es wird zu jeder Zeit und überall gebetet. Es verbindet uns mit anderen Christenmenschen in der Nähe und in der Ferne. Sie bleiben uns nicht fern. Vaterunser-Beter- und Vaterunser-Beterinnen, ob im Gottesdienst, ob vor einer Autofahrt oder vor einer Klassenarbeit, vor einer Operation oder nach einer Sitzung, ob am Krankenbett, ob am offenen Grab beim Abschied von einem lieben Menschen – sie sind nicht alleine. Jesus leiht, Jesus gibt uns Worte, mit denen wir in Kontakt mit Gott kommen – zunächst alleine oder gleich gemeinsam, einzeln und als Teil der Gemeinde, ja sogar als Teil der weltweiten Christenheit.

„Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ Gewiss! Er weiß es sogar besser, sieht weiter, sieht mehr als wir. Der Zweck und das Ziel des Betens ist deshalb auch bestimmt nicht, dass einfach alles so kommen soll, wie wir’s uns denken oder sogar in eigenen Gebeten aussprechen.

Selbst die Bitten des Vaterunsers sind ja längst nicht alle und für jeden Menschen erfüllt. – Aber warum beten wir denn überhaupt?

„Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16, 33) Angst ist mehr als Furcht. Angst ist mehr als Furcht, weil sie weniger konkret, weniger greifbar ist. Angst ist unbestimmt. Sie kommt, bleibt, verschwindet, nicht immer mit äußerem Anlass, nicht immer rational fassbar oder begründbar. Sie bedrängt uns. Sie ist nicht leicht in Worte zu fassen und auf den Punkt zu bringen. – „Angst“ ist aber nicht die genaue Übersetzung des griechischen Wortes im Text. Wörtlich heißt es: Bedrückung, Bedrängnis, Trübsal. Was uns einengt, zu schaffen macht, Druck bereitet und eben auch: was uns traurig macht. Aber das Unfassbare, das Ungreifbare, was uns zusetzt, das ist mit Luthers Übersetzung „Angst“ schon sehr treffend ausgedrückt!

Druck, Traurigkeit, Angst: das gibt es in jedem Menschenleben. Das gibt es gerade in diesen Wochen und Monaten zuhauf! Manchmal kann man gut damit umgehen: Es dominiert nicht, und schöne Befindlichkeiten wie Zuversicht, Leichtigkeit, Glück, Fröhlichkeit, guter Mut sind mindestens so stark oder stärker. Manchmal aber sind Druck, Traurigkeit, Angst – und was uns sonst bedrückt und bedrängt und belastet, bleischwer und aus den Gedanken nicht mehr wegzukriegen. Kaum ein Menschenleben, in dem das nicht vorkommt. Und wer ist in diesen Zeiten ganz davon verschont?

„Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst (Bedrängnis, Trübsal, Druck, Traurigkeit); aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Der Zweck, das Ziel des Betens ist demnach: Frieden in Jesus Christus.

Im Gedenken an ihn, mit Jesus Christus in Gedanken, in seinem Namen, mit seinem Gebet sich an Gott wenden, das kann uns ruhig werden lassen, helfen, wieder zu uns selbst zu finden. Der Gedankenkreis wird konzentriert, auf den Punkt gebracht. Auf den Punkt, der außerhalb von uns liegt: auf Gott. Auf den Punkt, den wir auch in uns finden: auf Gott, den uns Jesus nahegebracht hat, Gott, mit dem wir im Heiligen Geist verbunden sind.

Beten schafft unsererseits eine Annäherung an Gott, denn wir erfahren nicht nur Selbstbestätigung, sondern auch Orientierung: Korrektur und Annahme. Beides liebevoll. Damit kann es uns mit der Zeit wohl auch gelingen anzunehmen, zu akzeptieren, womit wir leben müssen. Und wir können Einsicht gewinnen in das, was wir ändern und bessern können, vielleicht sogar müssen.

Im Beten mit Gott können wir unser Leben bejahen und verändern, weil wir es offenlegen vor dem, der es uns gegeben und anvertraut hat, auch und besonders um anderen Menschen wohlzutun und Gott zu ehren.

Deswegen ist Gebet nicht nur Bitte für uns selbst. Nicht mal in der Hauptsache ist es das!

Gebet ist zuerst Dank an Gott, das Gebet preist Gott! Auch Fürbittengebete fangen mit Dank gegen Gott an, loben Gott und wenden sich dann energisch und mit Blick aufs Detail dem Leid, der Not, dem Unglück, aber auch der Freude, dem Erfolg, dem Glück der anderen zu, um dann gerne ins Vaterunser zu münden: unsere Worte fließen in die Worte Jesu, uns von ihm gegeben! Dies alles in dem Wissen und dem Vertrauen, dass andere auch für uns beten. Eben: Fürbittengebete!

So ist es ein bleibender Dienst der Christenheit (wenn nicht sogar aller religiösen Menschen!), füreinander zu beten, also die Verbindung mit Gott stets gemeinsam lebendig zu halten, aber immer auch für die Menschheit als Ganze, für unsere, für Gottes Welt, in die Gott uns gestellt hat, damit wir, wie unsere Kinder, Enkel und Urenkel und deren Nachkommen überall gut auf ihr leben können.

Dafür kann man beten und sich stärken lassen, um gerne und verantwortungsvoll in Gottes, in unserer gemeinsamen Welt zu leben. Amen.

Singen des Wochenpsalms bei YouTube: Psalm 47 (6. Woche der Osterzeit

„Herzliche Einladung zum Mitsingen und Meditieren der Psalmen in der Weise der Responsorialen Psalmodie, des Psalmodierens mit einem Antwortruf. Ein Ruf – ein Herzwort des Psalms – wird immer wieder wiederholt, verinnerlicht, meditiert. Die Psalmen erklingen in der Übersetzung des „Münsterschwarzacher Psalters“. Die „Preisungen – Psalmen mit Antwortrufen“ und „Cantica – Biblische Gesänge mit Antwortrufen“ sind im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach erschienen (www.vier-tuerme-verlag.de). Das Bild zum Psalmvers „Singt dem HERRN ein neues Lied …“ ist dem „Stuttgarter Psalter“ entnommen, einer Psalterhandschrift vom Anfang des 9. Jahrhunderts, die heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird. www.stillezeiten.de “ ( https://www.youtube.com/watch?v=vWMbMasecWY&feature=youtu.be )

Liedandacht zum Sonntag Kantate 2020

Von Pfarrer Andreas Strauch

„Sollt ich meinem Gott nicht singen?/ Sollt ich ihm nicht dankbar sein?/
Denn ich seh in allen Dingen,/ wie so gut er’s mit mir mein‘./
Ist doch nichts als lauter Lieben,/ das sein treues Herze regt,/
das ohn Ende hebt und trägt,/ die in seinem Dienst sich üben./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“
(EG 325: Strophe 1)

Das ist der Auftakt. Dank an Gott für Gottes Liebe. Das besingt Paul Gerhardt strophenlang. Zwölf Strophen hat das Lied eigentlich, zehn davon sind in unserem Evangelischen Gesangbuch (EG 325) abgedruckt.

Zur Zeit können wir nicht gemeinsam singen. Man kann es aber auch alleine, für sich, so wie es Paul Gerhardt hier auch tut: „Sollt ich meinem Gott nicht singen?“ Man kann für sein eigenes Leben prüfen: „Sollt ich ihm nicht dankbar sein?“ Und man kann in seinem eigenen Leben danach suchen: „Denn ich seh in allen Dingen,/ wie so gut er’s mit mir mein‘.“ Und alleine ist man dabei ja doch nicht. Auch andere werden’s tun. Und unsere Gedanken werden auf Gott gerichtet. Da treffen wir uns, auch wenn wir uns nicht sehen.

Paul Gerhardt hat den dreißigjährigen Krieg miterlebt, ziemlich genau in seinem zweiten, dritten und vierten Lebensjahrzehnt. Eine jahrzehntelange, lebensprägende Katastrophe! Und doch: „Sollt ich meinem Gott nicht singen?/ Sollt ich ihm nicht dankbar sein?“ 1653, fünf Jahre nach dem Ende dieses schrecklichen Krieges, besiegelt durch den Westfälischen Frieden 1648, knapp dreihundert Jahre vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dichtet er dieses Lied. Die Melodie ist etwas älter und stammt nicht von Paul Gerhardt. Nicht naiv, sondern durchdrungen von Lebens- und Leidenserfahrungen aller Schattierungen kann man das Lied singen und meditieren. ‚In allen Dingen‘ will Paul Gerhardt sehen, ‚wie gut Gott es meint‘. Tatsächlich in allen? In den hellen und dunklen Zeiten eines jeden Lebens, in Glück und Trauer, in Erfolg und Niederlage, in Demütigung und Befreiung – ja selbst in Krieg und Frieden? Offensichtlich will Paul Gerhardt, selbst lebenserfahren und leidesgesättigt, singend und lobend dazu anleiten. Folgen wir ihm auf seinem strophenlangen Weg, schauen wir, jeder/ jede für sich, wie lange und wie weit wir mitgehen können oder wollen. Man kann ja auch zwischendurch stehen bleiben, innehalten und später weitergehen!

Paul Gerhardt gibt den Singenden quasi einen Merkspruch mit, den er Strophe für Strophe, durch alle Höhen und Tiefen hindurch, anwendet und erinnert: kein billiges Sprüchlein, sondern eine Einsicht, die Hoffnung schenken und vor trügerischer Sicherheit bewahren kann: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Nichts ist sicher, nichts von Dauer – außer Gottes Liebe. Was uns ängstigt, was uns freut, was wir verlieren, was wir gewinnen: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Dieser Spruch lebt vom häufigen, wiederholten Singen und Meditieren. Wie eine Litanei will er sich eingraben in das Herz und das Gedächtnis der Sängerinnen und Sänger und jedes Menschen, der das Lied liest, nachempfindet und bedenkt. Was Paul Gerhardt erlebt und besingt in den nun noch folgenden neun Strophen, Glaubenserfahrungen, Lebenserfahrungen – es läuft alles und immer wieder darauf hinaus. „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Die Zeit kann man nutzen oder durchstehen, ausfüllen oder aushalten – je nachdem! – sie mündet in Gottes Ewigkeit. Sie ist geprägt von Gottes Liebe – „Lieb“: gesungen auf den höchsten Ton der Melodie dieses Liedes!

Vielleicht fällt Ihnen in diesem Zusammenhang auch der bekannte Abschnitt aus dem Prediger Salomo ein, das dritte Kapitel beginnt mit den Worten „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, gefolgt von 28 gegensätzlichen Polen, jeweils gegenübergestellt in 14 Paaren. Da geht es gleich zu Beginn um die existentiellen Ränder des Lebens („Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit“), weiter um elementare Gefühlsäußerungen („weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit“), öfters auch um ganz Alltägliches („suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit“), schließlich wieder um die großen Beziehungsäußerungen und -gegebenheiten im Leben („schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit“). Von Gott sagt der Prediger: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (Prediger 3, 11)

Paul Gerhardt geht noch wesentlich weiter als der Prediger Salomo, auch wenn es bei diesem schon angelegt ist. Paul Gerhardt sieht über der zeitlich begrenzten Dauer und Qualität aller Dinge, Begebenheiten, Gegebenheiten des Lebens die ewige Liebe Gottes und fasst dies ausdrücklich in seinen Merkspruch: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Man kann diese einprägsame Formulierung als eine leicht zu behaltende, Kurzfassung des bekannten Ausspruchs des Apostels Paulus aus dem Römerbrief (Römer 8, 38.39) lesen: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Ja, Paul Gerhardt meint, wenn er von Gott singt und schließlich zu Gott singt, den dreieinigen Gott: die Liebe Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Setzen wir uns dem Leben vertrauensvoll aus: unserem zeitlichen Leben, getragen von der ewigen Liebe des dreieinigen Gottes! Folgen wir Paul Gerhardts Erfahrungen und Einsichten, gehen wir dabei an den einzelnen Strophen entlang. – Die Strophen zwei bis vier besingen den dreieinigen Gott:

2. „Wie ein Adler sein Gefieder/ über seine Jungen streckt,/
also hat auch hin und wieder/ mich des Höchsten Arm bedeckt,/
alsobald im Mutterleibe,/ da er mir mein Wesen gab/
und das Leben, das ich hab/ und noch diese Stunde treibe./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

3. „Sein Sohn ist ihm nicht zu teuer,/ nein, er gibt ihn für mich hin,/
dass er mich vom ewgen Feuer/ durch sein teures Blut gewinn./
O du unergründ’ter Brunnen,/ wie will doch mein schwacher Geist,/
ob er sich gleich hoch befleißt,/ deine Tief ergründen können?/
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

4. „Seinen Geist, den edlen Führer,/ gibt er mir in seinem Wort,/
dass er werde mein Regierer/ durch die Welt zur Himmelspfort;/
dass er mir mein Herz erfülle/ mit dem hellen Glaubenslicht,/
das des Todes Macht zerbricht/ und die Hölle selbst macht stille./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Die Strophen zwei bis vier besingen nacheinander Gott als Vater, als Sohn, als Heiligen Geist. Sie sind ein kurzes Glaubensbekenntnis. Das Wesen des christlichen Glaubens wird kurz, bilderreich, eindringlich und persönlich bekannt – wie im Glaubensbekenntnis mit seinen drei Artikeln.
Besungen wird Gott, der Schöpfer, der uns ins Leben ruft und uns schützt und bewahrt.
Besungen wird Gott, der Sohn, der uns solidarisch zur Seite tritt, die Menschen in ihrer Schuld nicht verwirft. Gott der Sohn, der die Tiefe Gottes den Menschen nahebringt, die Unergründlichkeit seines Wesens, die unfassbare Liebe. Keine Tiefe des menschlichen Lebens ist zu tief, als dass Gott nicht dorthin kommen könnte: seien es Einsamkeit, Schmerzen, Krankheit, Angst, Gewissensqualen, der Scherbenhaufen der Lebensbilanz.
Besungen wird schließlich Gott, der Geist: Gott in dem Menschen, Gott, der uns erfüllen und prägen will und in unserem Leben in allen Tiefen stärkt. Hier nennt Paul Gerhardt sogar die Todesmacht und die Hölle. Das ist durchaus nicht nur jenseitig zu verstehen: Todesmacht und Hölle auf Erden waren im dreißigjährigen Krieg real, präsent, sichtbar, greifbar. Sie waren und sind es seitdem immer wieder, z.B. im Zweiten Weltkrieg, der vor 75 Jahren sein Ende fand, und heute im Bürgerkrieg in Syrien. Vielerorts!

Nach jedem der drei Teile des gesungenen Glaubensbekenntnisses über Gottes Schöpferliebe, seiner Solidarität mit den Menschen, seiner Einwohnung bei und in den Menschen, folgt wieder der Merkvers, der alles ins rechte Glaubenslicht setzt und von Gott tragen und aufheben lässt: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ – So lauten die Strophen fünf bis sieben:

5. „Meiner Seele Wohlergehen/ hat er ja recht wohlbedacht;/
will dem Leibe Not entstehen, /nimmt er’s gleichfalls wohl in acht./
Wenn mein Können, mein Vermögen/ nichts vermag, nichts helfen kann,/
kommt mein Gott und hebt mir an/ sein Vermögen beizulegen./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

6. „Himmel, Erd und ihre Heere/ hat er mir zum Dienst bestellt;/
wo ich nur mein Aug hinkehre,/ find ich, was mich nährt und hält:/
Tier und Kräuter und Getreide;/ in den Gründen, in der Höh,/
in den Büschen, in der See,/ überall ist meine Weide./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

7. „Wenn ich schlafe, wacht sein Sorgen/ und ermuntert mein Gemüt,/
dass ich alle liebe Morgen/ schaue neue Lieb und Güt./
Wäre mein Gott nicht gewesen,/ hätte mich sein Angesicht/
nicht geleitet, wär ich nicht/ aus so mancher Angst genesen./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Diese Strophen fünf bis sieben sind das das freundliche und gut zuredende Herzstück des Liedes. Der Grundton ist hell, der Hintergrund das vorher gesungene Glaubensbekenntnis. Aus ihm folgt ganz offensichtlich und unüberhörbar: Alles ist gut oder wird gut.

Strophe fünf führt schon dahin. Die Stimmung ist aufgehellt: der „Seele Wohlergehen“ ist Gottes Anliegen, die Gefährdung des menschlichen Körpers – durch Krankheit etwa oder Unfall oder Verwundung – wird Gott anvertraut. Die Erfahrung, dass Gott auch in Einschränkungen ungeahnte, unvermutete Kräfte schenken, dazugeben kann, wird besungen. Die Erfahrung, dass es aufwärts gehen kann, man kann sogar sagen: die Erfahrung der Auferstehung im Leben, die Erfahrung der Gnade.

Strophe sechs ist nur licht und schön. Alles ist gut. Die Lebensgrundlagen und Lebensmöglichkeiten des Menschen werden wunderschön beschrieben und anschaulich vor Augen geführt. Man sieht blühende Landschaften vor sich. Überall, „wo ich nur mein Aug hinkehre“. Das Paradies auf Erden? Gottes Schöpferwille ungestört, Gottes Schöpfung unzerstört? Dass der Mensch wesensbedingt zur Grenzüberschreitung und Ausbeutung neigt, ist hier nicht im Blick. Genauso wenig andererseits die prophetische Vision des messianischen Friedensreiches mit Kühen und Bären, die friedlich nebeneinander weiden, mit Löwen, die Stroh fressen – wie die Rinder (Jesaja 11, 6-9). Aber es ist doch ein Augenblick der Vollkommenheit in dieser Strophe festgehalten – der sich gleichwohl nicht festhalten lässt: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Der erste Teil des Merkspruchs korrigiert jede Naivität, sein zweiter Teil lässt Menschen immer wieder neu anfangen – trotz Sorge und Angst – Tag für Tag.

Anrührend ist das in der siebten Strophe besungen: Der Schlaf, der uns manches vergessen lässt und manches verarbeiten und zurechtrücken hilft – das ist Gottes Sorge für uns. Die neue Zuversicht, die andere Sicht der belastenden Dinge am nächsten Morgen – das ist ein Blick in Gottes freundliches Angesicht! Deswegen ist es so gut, vor schweren und weitreichenden Entscheidungen eine Nacht zu schlafen, die Dinge also zu überschlafen. Und deswegen stimmt es auch immer wieder, wenn man anderen oder sich selbst Mut macht und sagt: „Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.“ Freilich, wir wissen und erfahren: Immer neu bekommen wir Kräfte, aber immer wieder gehen sie uns auch aus, um uns dann wieder neu zuzuwachsen: „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“ – Die Strophen acht bis zehn bemühen sich um eine umfassende Deutung des Lebens von und vor und mit Gott:

8. „Seine Strafen, seine Schläge,/ ob sie mir gleich bitter seind,/
dennoch, wenn ich’s recht erwäge,/ sind es Zeichen, dass mein Freund,/
der mich liebet, mein gedenke/ und mich von der schnöden Welt,/
die uns hart gefangen hält,/ durch das Kreuze zu ihm lenke./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

9. „Das weiß ich fürwahr und lasse/ mir’s nicht aus dem Sinne gehn:/
Christenkreuz hat seine Maße/ und muss endlich stillestehn./
Wenn der Winter ausgeschneiet,/ tritt der schöne Sommer ein;/
also wird auch nach der Pein,/ wer’s erwarten kann, erfreuet./
Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

10. „Weil denn weder Ziel noch Ende/ sich in Gottes Liebe find’t,/
ei so heb ich meine Hände/ zu dir, Vater, als dein Kind,/
bitte, wollst mir Gnade geben,/ dich aus aller meiner Macht/
zu umfangen Tag und Nacht/ hier in meinem ganzen Leben,/
bis ich dich nach dieser Zeit/ lob und lieb in Ewigkeit.“

Wovon die achte Strophe so unvermittelt singt, von ‚Strafen‘, ‚Schlägen‘, entstammt einem Gottesbild, das uns sicherlich fremd ist. Leidenserfahrungen als Erziehungsmaßnahme Gottes zu verstehen, halte ich für problematisch, mindestens dann jedenfalls, wenn es generell, pauschal geschieht, sich auf das Leid anderer bezieht und andere Menschen auf diese Deutung festgelegt werden. Damit bemächtigt man sich der anderen Menschen, stellt sich als vermeintlich wissender und urteilsfähiger und -berechtigter Mensch über den anderen oder die andere und verschlimmert deren Leid. Aber auch sich selbst sollte man mit dieser Sicht nicht quälen und niedermachen. Gottes Wille ist uns – wie die Zumutungen unseres Lebens – nie voll einsehbar. Die Auffassung, Leiden, Krankheit, Infektionen als Strafe Gottes zu sehen, ist allerdings immer noch vorhanden. Sie gab und gibt es z.B. in Bezug auf HIV und jetzt auf Corona. Umgekehrt kann und mag es manchmal entlasten, erleichtern, sich angesichts der Anonymität und Sinnlosigkeit der Bedrohung direkt an Gott zu wenden und Gott die Bedrohung ausdrücklich zu klagen, ja Gottes Solidarität, Hilfe, Beistand einzuklagen. Viele Psalmen sind dazu eine gute Sprach- und Gebetshilfe. Immerhin nennt die gleiche Strophe acht Gott ausdrücklich „mein Freund“. ‚Meinem Freund‘, „der mich liebet“, kann und darf ich doch ungefiltert und ungeschminkt alles anvertrauen, was mir auf der Seele liegt! Und mit ihm, bei ihm, vor ihm auch überlegen und bedenken, was ich aus Leiden, Bedrohung, Krise mitnehmen muss, kann, darf, wie ich mit anderen und als Teil der Gesellschaft, der Menschheit, der Kirche, der Gemeinde in der derzeitigen Krise und, wann immer, nach der Krise leben möchte.

Auch wenn Glaube und Jesusnachfolge gewiss Leidensbereitschaft einschließen, ist die Leidensfähigkeit doch nicht unbegrenzt. Es gibt Grenzen des Ertragbaren. In der neunten Strophe wirft Paul Gerhardt einen Blick über unsere Lebensgrenze hinaus. Nicht nur alles „Ding währt seine Zeit“, auch das menschliche Leben. Der Mensch ist zeitlich, Gott ist ewig. Der Mensch findet sein Ziel bei Gott. Die menschliche Zeit fließt und mündet in Gottes Ewigkeit. Da ist dann sogar der erste Teil des Merkspruchs nicht mehr aktuell. Zum Schluss der neunten Strophe heißt es das letzte Mal in diesem Lied „Alles Ding währt seine Zeit,/ Gottes Lieb in Ewigkeit.“

Bleibt die zehnte und letzte Strophe mit ihrem anbetenden Blick zu Gott. Gott wird hier nun erstmalig direkt angeredet. Nach neun Strophen Betrachtung und dankbarem Bekenntnis folgt nun das innige Gebet. Der Dichter ist Beter. Sein Blick richtet sich auf Gottes Ewigkeit. Alle Grenzen und Beschränkungen werden aufgehoben, alles Werden und Vergehen wird zum Ziel finden: die Ewigkeit Gottes. Menschliche Liebe wird sich in Gottes Liebe vollendet finden. Der zweite Teil des Merkspruchs verliert seine Gültigkeit nie und nimmer: „Gottes Lieb in Ewigkeit.“ In sie einzugehen und vorher das begrenzte und geschenkte Leben dankbar wahrzunehmen, Tag für Tag, ist Ausdruck und Ziel christlicher Hoffnung, denn wir haben die schöne Aussicht: „bis ich dich nach dieser Zeit/ lob und lieb in Ewigkeit.“